Corona in Afghanistan – ein Bericht

Als Anfang Mai 2020 unser Corona-Nothilfeprojekt in Malaspa langsam Gestalt annahm und wir hofften, dass nun bald die Hilfspakete für die Familien gekauft und verteilt werden könnten, traf die Corona-Krise das Dorf mit voller Härte. War Corona vorher für die Bevölkerung eine ferne Gefahr, die sich vor allem in den Reise- und Kontaktbeschränkungen niedergeschlagen und daher „indirekt“ für viel Leid gesorgt hat, war nun selbst das abgeschiedene Panjshir von hohen Infektionszahlen betroffen.

Während der ganzen Projektlaufzeit standen wir eng mit unserem Projektpartner und dem Projektmanager vor Ort – Hokumat Noori – in Kontakt. Bei diesen regelmäßigen Telefonaten war es eines Morgens, Mitte Mai, schockierend, nicht das kräftige „Bale“ (Hallo!) von Hokumat zu hören, sondern an dessen Stelle eine entkräftete, fast alt wirkende, leise Stimme wahrzunehmen. Nun war Corona nicht nur in Panjsher angekommen, sondern unmittelbar bei unseren Bekannten. Hokumat hatte Corona!

Er berichtet heute von seiner zwei-wöchigen Krankheit:

„Ich war völlig entkräftet, konnte mich kaum bewegen oder selbständig Essen! Starke Gliederschmerzen, Kopfschmerzen und Übelkeit, so schlimm, wie ich es noch nie erlebt habe. Das Atmen fühlte sich an, also ob ich Glasscherben schlucken würde.“

Dabei ist Hokumat (50) einer dieser leistungsfähigen Hochgebirgseinwohner, dessen körperliche Fitness uns verwestlichten Menschen höchsten Respekt und Neid abringt und einem europäischen Leistungssportler gleichkommt. Und ihn traf die Infektion so schlimm, dass wir um sein Leben fürchteten!

Hokumat hat es dann aus eigener Kraft geschafft. Doch viele Menschen in Panjsher und der Gemeinde Malaspa hatten nicht so viel Glück.

Eine Gesundheitsversorgung für die Corona-Infizierten gab und gibt es in Afghanistan noch nicht einmal in Kabul. Die Krankenhäuser dort weisen auch zum heutigen Tag noch viele Menschen mit COVID-19 Symptomen ab. Hokumat berichtet von schwerkranken Dorfbewohnern, die tagelang von Krankenhaus zu Krankenhaus gebracht wurden, ohne Hilfe zu erhalten. Dazu muss erwähnt werden, dass am Anfang der Krise viele Ärzte in Afghanistan mit dem Virus infiziert wurden und es unter Ihnen erhebliche Todesraten gab. Von daher wurde dann – auch weil medizinische Schutzausrüstungen und Gerätschaften oft nicht vorhanden waren – häufig ein totaler Aufnahmestopp verhängt. Die Folge waren beträchtliche Opferzahlen, die in den offiziellen Statistiken auch heute noch nicht auftauchen (Stand Anfang August 2020 offiziell: 37.000 Infizierte und 1.300 Tote). Ein Hauptgrund für die mangelhafte Statistik ist, neben fehlenden Testmöglichkeiten auch die Vorbehalte bei staatlichen Autoritäten, welche bei Bekanntwerden der Ausmaße der Krise um ihre Macht fürchten. Aber auch die Bevölkerung verheimlicht an Corona Verstorbene verstorbene häufig, da viele Familienangehörige fürchten, gemieden zu werden und ihre Verstorbenen ohne das letzte Gebet im Verwandtenkreis beerdigen zu müssen. Damit zur Beerdigung die Verwandten und Bekannten kommen, wird so häufig eine andere Todesursachte genannt, z.B. Typhus.

Gespräche mit Hokumat und anderen Bekannten in Afghanistan (darunter ein Arzt und ein UN-Mitarbeiter) können uns einen – natürlich subjektiven – Eindruck von den Ausmaßen der Gesundheitskrise geben: So wurden im Panjsher-Tal im Umkreis von Malaspa (ca. 50 Dörfer) im Mai/Juni jeden Tag zwischen 20 und 30 Personen beerdigt, ein Vielfaches der üblichen Todesrate. Durch die Pflege der Erkrankten in den eigenen Familien gab es häufig Ketteninfektionen, die nacheinander alle Mitglieder eines Haushalts eingeholt haben. Fast keine Familie wurde in der Region nicht vom Coronavirus getroffen.

Corona hat Afghanistan – das schon seit vielen Jahren politisch instabil und von Staatsversagen geprägt ist – noch weiter an den Rand des Abgrunds getrieben. Neben dem gefährlichen Virus haben die Menschen auch durch die undurchdachten Maßnahmen des Lockdowns erheblich gelitten und viele sind nach wie vor von Hunger und Krankheit bedroht.

Trotzdem ist Corona auch eine Zeit der unbekannten Helden. So berichten unsere Bekannten auch von Ärzten, die unter größten persönlichen Risiken alle Kranken behandeln, Hausbesuche durchführen und selbstgebaute Sauerstoffballons zum Einstandspreis verteilen. Auch die Solidarität untereinander und mit den Nachbarn hat nicht gelitten, sondern sich häufig noch verstärkt.

Das Team gafca bedankt sich bei allen Unterstützerinnen und Unterstützern des Nothilfeprojektes für den kleinen Beitrag, den wir in dieser unglaublich großen Krise leisten konnten. Wir werden auch weiterhin schauen, ob wir Möglichkeiten sehen, im Rahmen unserer Kräfte sinnvoll zu helfen.